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Detaillierte Informationen zur aktuellen Borkenkäfersituation in Sachsen

Stand: 07.06.2022

Die diesjährige Borkenkäfersaison ist mittlerweile in ganz Sachsen in vollem Gange. Im Tief- und Hügelland fliegt der Buchdrucker bereits seit Mitte April und laut dem Phänologiemodell Phenips ist der Schlupf der ersten Jungkäfer bereits erfolgt bzw. steht unmittelbar bevor. Zudem findet in diesen Regionen verbreitet die Anlage von Geschwisterbruten statt. In den Kammlagen der Mittelgebirge sind seit der 2. Maiwoche nennenswerte Fangzahlen an den Monitoringstandorten zu verzeichnen und in besiedelten Fichten entwickeln sich die Larvenstadien. Witterungsbedingt erfolgte der Schwärmflug ca. eine Woche früher als im letzten Jahr und zudem sehr konzentriert, was sich in plötzlich stark ansteigenden wöchentlichen Fangzahlen und überwiegend höheren kumulativen Werten im Vergleich zum Vorjahr widerspiegelt.

Übersichtskarte Sachsen
Abbildung 1: Entwicklung der kumulierten Fangzahlen an den sächsischen Monitoringstandorten, kombiniert mit einem Vorjahresvergleich (farblich differenziert nach Borkenkäfer-Regionen) 

Die Gefährdung der Wälder durch die verschiedenen Borkenkäferarten wird neben der Anzahl vorhandener Käfer auch durch die Abwehrkräfte der Wirtsbäume bestimmt. Diese hängen wiederum vor allem vom für die Bäume verfügbaren Wasser ab.

Die Jahre 2018 bis 2020 waren insgesamt sehr niederschlagsarm und überdurchschnittlich warm. Im Jahr 2021 bewegte sich die Summe der Niederschläge, anders als in den drei Vorjahren, erstmals wieder im Bereich des langjährigen Mittels. Die Temperaturen lagen fast durchweg über dem langjährigen Mittel.

Die zum Teil ergiebigen Niederschläge führten bis zu einer Bodentiefe von 60 Zentimetern tendenziell zu einer Wiederauffüllung des Bodenwasserspeichers. Weil es sich hierbei um den Teil des Bodenraumes handelt, der in der Regel am intensivsten von den Bäumen durchwurzelt wird, ergaben sich daraus günstige Bedingungen für die Regeneration der Waldvegetation nach den Trockenjahren 2018 bis 2020.

Tatsache ist aber, dass die Niederschläge des Jahres 2021, vor allem in den von der vorausgehenden mehrjährigen Trockenheit besonders betroffenen Regionen Sachsens, bisher nicht ausgereicht haben, um die Widerstandsfähigkeit von Fichte, Kiefer, Lärche, Buche und Eiche gegenüber dem nach wie vor hohen Befallsdruck von holz- und rindenbrütenden Schadinsekten wirksam zu erhöhen.

Aus der kühleren Witterung Ende Mai mit Maximaltemperaturen um 20°C resultiert eine gedämpftere Schwärmaktivität und eine etwas verzögerte Entwicklung der Bruten. Ab Anfang Juni stiegen die Werte dann wieder merklich an und begünstigten so grundsätzlich die weitere Entwicklung der Bruten unter der Rinde.

Niederschläge wurden in den letzten zwei Wochen an allen Waldklimastationen registriert, blieben bis auf wenige Ausnahmen aber deutlich unter den für eine signifikante Verbesserung der Bodenfeuchtesituation erforderlichen Mengen zurück. Somit konnten sich nur lokal gewisse Entspannungseffekte einstellen, wobei die Mittelgebirgslagen hier auf Grund der immer noch gut gefüllten Speicher im Oberboden weiterhin kaum trockenheitsgefährdet sind. Insgesamt ist die bisher gefallene kumulative Niederschlagsmenge des hydrologischen Jahres weiterhin niedriger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Daran änderten auch die schauerartigen und lokal sehr unterschiedlich ausgefallenen Regenfälle am Pfingstwochenende kaum etwas.

Liniendiagramm
Kumulierte Niederschlagsmengen der Waldklimastationen ab 01.11.2021 (rote Linie) im Vergleich zum Mittelwert des vergangenen Jahrzehnts (grüne Linie), zu dem ausgeprägten Trockenjahr 2018 (orangene Linie) und dem sehr feuchten Jahr 2010 (blaue Linie). 
Diagramm mit farbigen Rechtecken
Darstellung des gefallenen Niederschlages vom 25.05.2022 bis 07.06.2022 an den von Sachsenforst betriebenen Waldklimastationen 
Liniendiagramm
Entwicklung der Bodenfeuchte (% der nutzbaren Feldkapazität) im Jahresverlauf für die Waldklimastation Sachsengrund im Westerzgebirge (dicke rote Linie) im Vergleich zum langjährigen Mittelwert (grüne Linie). (Stand: 03.06.2022) 
Liniendiagramm
Entwicklung der Bodenfeuchte (% der nutzbaren Feldkapazität) im Jahresverlauf für die Waldklimastation Wermsdorf (dicke rote Linie) im Vergleich zum langjährigen Mittelwert (grüne Linie). (Stand: 03.06.2022) 

Die nahezu idealen Schwärmtemperaturen zwischen Anfang und Mitte Mai führten dazu, dass die zum gleichen Vorjahreszeitpunkt registrierten Fangzahlen mit wenigen Ausnahmen überall übertroffen wurden, dann aber in der 20. bzw. 21. Kalenderwoche vorerst kulminierten. Die ab Mitte Mai registrierten niedrigeren Temperaturen sowie die mittlerweile weitestgehend vollzogene Anlage der 1. Generation sind hier u. a. als Ursachen zu nennen. Es wurden allerdings weiterhin verbreitet Werte registriert, die mit einem sehr hohen Stehendbefallsrisiko verbunden sind. Erst in der 22. Kalenderwoche schwächte sich die Schwärmaktivität soweit ab, dass Überschreitungen des kritischen Wertes von 3.000 Buchdrucker pro Falle und Woche nur noch in einem einzigen Fall registriert wurden. Die Fangzahlen bewegen sich aktuell nur noch im niedrigen vierstelligen bzw. zu großen Teil auch nur noch im dreistelligen Bereich, was zumindest die Stehendbefallssuche etwas erleichtern sollte, da die Anlage der Bruten jetzt zu großen Teilen erfolgt ist.

Insgesamt muss aber festgehalten werden, dass es bei dem überwiegenden Teil der sächsischen Monitoringstandorte in den letzten Wochen mehrfach zu einer Überschreitung der Gefährdungsschwelle gekommen ist, was i. d. R. mit einem Auftreten von frischem Stehendbefall einhergeht.

Übersichtskarte Sachsen
Abbildung 2: Registrierte Schwellenwertüberschreitungen bis zur 22. Kalenderwoche in der aktuellen Schwärmperiode des Buchdruckers 

Regionale Entwicklung:

Wie im letzten Jahr bildet auch 2022 der ostsächsische Raum mit der Elbe als grober Grenze die Region mit den bisher mit Abstand höchsten Fangzahlen. Nach nur 6 Schwärmwochen wurde bereits an 6 Standorten der kritische Wert von 30.000 BDR innerhalb eines Jahres überschritten, wenngleich aktuell ein deutlicher Rückgang stattfindet, besteht erheblicher Anlass zur Sorge bzgl. der bevorstehenden Entwicklung des Schadgeschehens.

Im Nationalpark Sächsische Schweiz zeigt sich hingegen ein differenzierteres Bild. Hier verlagert sich das Geschehen in die Bereiche, in denen noch Restvorkommen der Baumart Fichte vorhanden sind. Schwerpunkte bilden hier der Steinberg im Südosten des Parks und das Polenztal. Uneinheitlich ist die Entwicklung momentan im vorderen NLP-Teil. Insgesamt sind die registrierten Fangzahlen allerdings geringer als in der Oberlausitz.

Im westlichen Teil des LK Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind zudem sowohl im Tharandter Wald als auch in den mittleren Berglagen deutlich höhere Fangzahlen als im Vorjahr zu verzeichnen.

Im gesamten Erzgebirgskreis sowie im östlichen Teil des Vogtlandes findet aktuell eine Entwicklung statt, die so nicht zu erwarten war. Bis in die Kammlagen werden sowohl die Vorjahreswerte – zum Teil auch die Alljahresmaxima – als auch die kritischen Schwellenwerte überschritten. Sogar in ca. 800 m ü. NN wurden wöchentliche Fangzahlen im sehr hohen vierstelligen Bereich registriert. Damit besteht auch in dieser Höhe das akute Risiko für frischen Stehendbefall. Mittlerweile gehen die wöchentlichen Fangzahlen aber auch hier signifikant zurück.

Kupferstecher:

Mit Ausnahme mehrere Standorte im NLP Sächsische Schweiz sowie in den höheren- bzw. Kammlagen des Erzgebirgskreises an denen die Fangzahlen ungewöhnlich hoch sind und sogar die Alljahresmaxima deutlich überschreiten, ist die Schwärmaktivität des Kupferstechers bisher unauffällig. Es bleibt abzuwarten ob der sich beim Buchdrucker zeigende regionale Trend auch beim Kupferstecher seine Fortsetzung findet bzw. diese Art lokal bis regional maßgeblichen Einfluss auf das Schadgeschehen nehmen wird.

Der Hauptschwärmflug ist jetzt bis in die Kammlagen weitestgehend abgeschlossen und wird in Abhängigkeit von der Höhenlage zunehmend von der Anlage der Geschwisterbruten abgelöst. Unter Berücksichtigung der bisherigen Monitoringergebnisse ist Stehendbefall jetzt überall möglich und auch wahrscheinlich, wobei die Intensität regional differieren kann. In den Mittelgebirgslagen hat die Bestandeskontrolle jetzt oberste Priorität, um die Sanierung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt (weiße Stadien) realisieren zu können. In den unteren Lagen und im Hügelland müssen noch vorhandener Befallsherde jetzt unverzüglich unschädlich gemacht werden, da die ersten Jungkäfer bereits mit dem Reifungsfraß beginnen und die Effektivität der Gegenmaßnahmen immer mehr nachlässt. Die Anlage von Geschwisterbruten führt zu weiterem Befall und darf ebenfalls nicht unbeachtet bleiben.

Insbesondere die i. d. R. zuerst besiedelten und verstreut liegenden Brüche und Würfe der Frühjahrsstürme tragen ein hohes Gefährdungspotenzial in sich und müssen jetzt ohne Verzögerungen aus dem Wald verbracht oder unschädlich gemacht werden. Beobachtungen zeigen, dass hier eine intensive Besiedlung stattgefunden hat und die Entwicklung der Bruten am weitesten fortgeschritten ist.

Der 10-Tage-Trend des Deutschen Wetterdienstes.

Nachdem über das Pfingstwochenende die Temperaturen im Tief- und Hügelland wieder schwärmfreundliche Werte von bis zu 29°C erreichten und an der Klimastation Carlsfeld auf ca. 900 m ü. NN immerhin noch 19 °C gemessen wurden, gestaltet sich der Temperaturverlauf der nächsten Tage unbeständig und wird von einem Tief über Dänemark beeinflusst, welches aktuell eine stabile Entwicklung verhindert. Zum kommenden Wochenende hin sollen die Temperaturen dann wieder in Bereiche jenseits der 25°C klettern. 

Das Niederschlagsgeschehen in naher Zukunft wird vom kommenden Donnerstag geprägt, an dem in den Kammlagen des Erzgebirges laut Prognosen über den Tag verteilt bis zu 10 l/m² Regen fallen können. Im sächsischen Hügelland sind eher 2 bis 3 l/m² realistisch. Weitere Regenfälle, die insbesondere in den unteren Lagen zu einer nachhaltigen Auffüllung der Bodenspeicher und damit der Entlastung der Bestände führen könnten, sind darüber hinaus nicht absehbar.

Somit bleibt das Risiko für weitere Schäden in den Fichtenbeständen grundsätzlich hoch und kann in Verbindung mit einer wieder zunehmenden Schwärmaktivität schnell erneut zu größeren Befallsnestern führen. Dabei lässt sich aktuell für keine Höhenstufe grundsätzlich Entwarnung geben. Inwiefern die aktuell über dem Vorjahr liegenden Fangzahlen dem früheren Schwärmbeginn geschuldet sind und im weiteren Verlauf wieder hinter Diese zurückfallen oder ob tatsächlich eine höhere Populationsdichte vorliegt, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen.

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